Die eigene mentale Gesundheit selbst gestalten
- 11. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Über gemeinsames Entscheiden in der Psychotherapie

Wer trifft die Entscheidungen?
Vielleicht kennen Sie das: Sie kommen von einem Termin in der Sprechstunde, halten einen Behandlungsplan oder ein Formular in der Hand und sind sich unsicher. Haben Sie das wirklich alles verstanden? Gab es Alternativen zum geplanten Vorgehen? Und wurden Sie wirklich nach Ihrer Meinung gefragt? Oder wurde für Sie entschieden, während Sie danebensaßen?
Diese Unsicherheit ist nicht angenehm. Und sie ist verbreitet.
In der Psychotherapie sollte das nicht so sein. Der gemeinsame Austausch und die gemeinsame Beziehung sind das Fundament psychotherapeutischer Arbeit. Dennoch: Echte gemeinsame Entscheidungen sind nicht selbstverständlich, auch wenn viel miteinander gesprochen wird.
Was ist partizipative Entscheidungsfindung?
Für diese Art von gemeinsamen Entscheidungen gibt es einen Fachbegriff: Partizipative Entscheidungsfindung, international bekannt als Shared Decision Making. Es ist das Thema meiner Promotion und meiner Forschung und es prägt bis heute, wie ich arbeite.
In der somatischen Medizin gilt dieser Ansatz inzwischen als Goldstandard guter klinischer Praxis. Auch für die psychotherapeutische Arbeit wird er von der Weltgesundheitsorganisation ausdrücklich gefordert.
Gemeint ist damit mehr als „wir reden miteinander" oder „ich frage nach, was mein Gegenüber möchte". Es ist ein Konzept, das auf einer Haltung beruht: Selbstbestimmung und Autonomie für Patient:innen und eine Behandlung auf Augenhöhe.
Der Grundgedanke ist einfach: In jeder Behandlung treffen zwei Arten von Wissen aufeinander. Da ist das fachliche Wissen der Behandelnden: Theorien, Methoden, klinische Erfahrungswerte. Und da ist Ihr Wissen: Wissen über Ihr Leben, Ihre Werte, Ihre Vorlieben. Über das, was bisher schon gut funktioniert hat. Über das, was für Sie im Alltag umsetzbar und tragbar ist.
Beides ist notwendig. Die besten Entscheidungen entstehen im Miteinander. Zwischen klinischer Expertise und Ihren persönlichen Wünschen und Bedürfnissen.
Warum zählt das gerade in der Psychotherapie?
Psychotherapie hat einige Besonderheiten, die gemeinsames Entscheiden besonders wichtig machen.
Psychotherapie begleitet Menschen oft über längere Zeiträume
Das Erleben psychischer Belastung ist zutiefst individuell: Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sehr Unterschiedliches erleben und sehr Unterschiedliches brauchen
Es gibt viel zu entscheiden: Welches Ziel wird zuerst verfolgt? Welche Themen sprechen wir an, welche lassen wir vorerst ruhen? Welche Methode nutzen wir? Was passiert zwischen den Sitzungen?
Diese Fragen lassen sich nicht allein aus fachlicher Perspektive beantworten. Sie brauchen Ihre Sicht.
Was gemeinsames Entscheiden bewirken kann
Die Forschung dazu ist in der somatischen Medizin am weitesten fortgeschritten. Dort ist inzwischen gut belegt, was partizipative Entscheidungsfindung bewirken kann:
Menschen sind besser informiert. Über das, was sie belastet und über die Behandlungsmöglichkeiten
Sowohl Patient:innen als auch Behandelnde sind zufriedener mit dem Ergebnis
Behandlungspläne werden eher eingehalten, weil sie wirklich die eigenen sind
Der letzte Punkt ist vielleicht der wichtigste. Ein Weg, den man selbst mitbestimmt hat, wird eher gegangen als einer, den jemand für einen ausgesucht hat. Und in der Psychotherapie geht es am Ende genau darum: um Eigenverantwortung und die eigene Umsetzung von Veränderungen im Alltag.
Ein wichtiger Zusatz: Nicht alle wollen dasselbe
Es gibt noch eine Feinheit, die oft übersehen wird. Und sie ist mir besonders wichtig. Die positiven Wirkungen der gemeinsamen Entscheidungsfindung treten vor allem dann ein, wenn die gewünschte und die tatsächlich erlebte Beteiligung zusammenpassen.
Nicht alle Menschen wollen dasselbe Maß an Mitsprache. Manche möchten jede Entscheidung selbst treffen. Andere wünschen sich, durch die Entscheidungen geleitet zu werden. Wieder andere möchten die Entscheidungen ganz abgeben - weil sie erschöpft sind, weil ihnen die Sicherheit fehlt, oder weil es guttut, sich für eine Weile anlehnen zu dürfen.
All das ist legitim. Und all das kann sich im Verlauf einer Behandlung ändern. Wer in einer akuten Krise erst einmal getragen werden möchte, will einige Monate später vielleicht sehr wohl mitreden.
Es gibt kein richtiges Maß an Mitsprache, das für alle gilt.
Deshalb geht es beim gemeinsamen Entscheiden nicht darum, allen dasselbe Maß an Verantwortung zu übertragen. Es geht darum, dass gefragt wird, was Sie brauchen - und dass Sie es sagen dürfen.
Was das für Sie bedeutet
Sie dürfen mitentscheiden. Und Sie dürfen es einfordern. Konkret kann das bedeuten:
Nachfragen, warum eine bestimmte Vorgehensweise gewählt wird und ob es Alternativen gibt
Ansprechen, dass Ihnen ein Thema zu früh kommt oder dass Sie schneller vorangehen möchten
Um mehr Informationen bitten, wenn Ihnen etwas unklar ist
Ansprechen, dass Sie gerne mit einer bestimmten Methode arbeiten würden
Sie dürfen auch sagen, dass Sie gerade nicht alles selbst entscheiden möchten. Auch das ist eine Form von Mitbestimmung.
Und Sie dürfen fragen, wie es weitergeht — und mitbestimmen, wohin.
Nichts davon ist unhöflich. Es ist die Grundlage einer Behandlung, die wirklich Ihre ist.
Was ich als Therapeutin dazu beitragen kann
Aus meiner Sicht ist es unsere Aufgabe, nicht darauf zu warten, dass Menschen sich von alleine beteiligen, sondern sie aktiv dazu einzuladen und den Wusch zur Beteiligung oder Zurückhaltung zu respektieren. Es geht darum zu erfragen:
Wie viel möchten Sie mitentscheiden?
Wie viel Information ist hilfreich, und ab wann wird es zu viel?
Womit möchten Sie heute arbeiten?
Was brauchen Sie gerade: Orientierung oder Freiraum?
Eine Therapie ist kein Plan, den jemand für Sie ausfüllt.
Sie ist ein Weg, den zwei Menschen gemeinsam gehen.
Ich kenne als Therapeutin das Gelände. Ich kann Empfehlungen aussprechen und Wege vorschlagen. Aber die Richtung bestimmen Sie mit.
Fazit
Die eigene mentale Gesundheit selbst zu gestalten heißt nicht, alles allein zu schaffen. Es heißt, in den Entscheidungen über das eigene Leben vorzukommen.
Es heißt, gefragt zu werden. Informiert zu sein. Widersprechen zu dürfen. Und mitbestimmen zu können, wie es weitergeht. Auch dann, wenn man sich Unterstützung wünscht.
Vielleicht haben Sie sich in einigen Punkten wiedergefunden. Vielleicht wünschen einen Therapieprozess, den Sie aktiv mitgestalten. Dann möchte ich Sie ermutigen, Ihre Wünsche auch auszusprechen. In meiner Praxis in Frankfurt oder in einem Online-Erstgespräch können wir gemeinsam beginnen: in Ihrem Tempo, mit Ihren Fragen und mit so viel Mitbestimmung, wie Sie sich wünschen.


Kommentare