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Was ist eigentlich systemische Therapie?

  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Über eine andere Art, auf Probleme zu schauen


Systemische Therapie
Systemische Therapie

Systemische Therapie - Ein Verfahren, das viele noch nicht kennen


Die meisten Menschen, die eine Psychotherapie suchen, haben von Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierter Therapie bereits gehört. Manche haben in der Vergangenheit bereits eine Therapie in einem der beiden Verfahren absolviert. Systemische Therapie ist vielen noch neu — zumindest hierzulande.


In der gesetzlichen Krankenversicherung ist sie das jüngste der anerkannten Verfahren. Erst seit 2020 wird sie für Erwachsene von den Kassen bezahlt. Seit 2024 auch für Kinder und Jugendliche. International dagegen gehört der systemische Ansatz neben Psychoanalyse und Verhaltenstherapie zu den am weitesten verbreiteten Formen von Therapie und Beratung.


In diesem Beitrag möchte ich beschreiben, welche Haltung hinter der systemischen Therapie steht und was sie in meiner Praxis bedeutet.



Menschen existieren in Beziehungen


Der Grundgedanke ist einfach, aber er verändert vieles: Menschen – und damit auch ihre Probleme und Symptome – existieren immer in Beziehung zu anderen. Eine psychische Belastung ist selten nur etwas rein Individuelles. Sie entsteht in einem Zusammenhang: aus Beziehungen, familiären Mustern, beruflichem Kontext, aus Rollen, Erwartungen und Übergängen.


Wer wir sind, was uns stützt, aber auch woran wir leiden, hat mit dem System zu tun, in dem wir leben. Das heißt ausdrücklich nicht: „die anderen sind schuld." Sondern: „die anderen sind von Bedeutung." Das nimmt niemandem die Verantwortung, sich um das eigene Thema zu kümmern, aber es verändert die Art, wie wir darauf schauen.

In der systemischen Therapie sprechen wir deshalb manchmal von „Indexpatient:innen": Ihr Symptom zeigt an, dass es im System als Ganzem etwas gibt, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.



Gute Gründe für Probleme


Menschen versuchen fortwährend, mit ihrer Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Ähnlich wie ein Mobile, das nach einem Anstoß in Bewegung gerät und sich schließlich wieder einpendelt. Auf Impulse von außen reagieren soziale Systeme so, dass ihre Balance erhalten bleibt und das Ganze weiterträgt.


Manchmal geschieht das um einen hohen Preis. Ein Symptom, eine Störung, ein Problem kann Teil dieses Gleichgewichts sein. Was von außen wie eine Störung aussieht, ist aus dieser Perspektive oft eine eigene, manchmal erstaunlich kluge Lösung, die das System schützt — nur eben eine, die teuer bezahlt wird.


Denn für ein Symptom gibt es in der Regel gute Gründe. Es war fast immer einmal sinnvoll und hat einem Familiensystem, einem Paar, einem Team geholfen, Stabilität herzustellen. Diese Sichtweise entlastet. Aus einem individuellen Problem, das verschwinden soll, wird etwas, das einmal einen Sinn hatte.


In der systemischen Therapie interessiert uns deshalb besonders, in welchem Zusammenhang sich das Problem zeigt, was es dort am Leben hält und wofür es einmal wichtig war. Gerade die letzte Frage führt zu einem Gedanken, der für mein Verständnis von Therapie zentral ist: Die Probleme von heute, so eine Grundannahme systemischen Denkens nach Peter Senge, sind oft die Lösungen von gestern.


Manchmal stecken Menschen zu dem Zeitpunkt, zu dem sie in Therapie kommen, noch mittendrin in der Situation, in der das Muster wichtig ist – und dann kann es sein, dass noch nicht der richtige Moment für eine Veränderung gekommen ist. Häufig aber hat sich der Kontext längst geändert, das Muster aber ist geblieben.



Warum es nicht ums „Wegmachen" geht


Viele Menschen kommen mit dem Wunsch zu mir, ihre Symptome loszuwerden. Und zwar möglichst schnell. Ich verstehe das gut. Wer hätte nicht gerne einen schnellen Ausweg aus dem, was belastet?


Aber ein Symptom, das bekämpft wird, ohne dass seine Funktion verstanden ist, verschwindet selten dauerhaft. Das, wofür es einmal da war, sucht sich häufig einen neuen Weg und taucht in veränderter Form an anderer Stelle wieder auf.

Daraus folgt ein bestimmtes Verständnis von Veränderung. Ein Mensch lässt sich nicht von außen umbauen, und Veränderung ist nichts, das eine Therapeutin herstellt oder verordnet.


Was möglich ist: Impulse zu geben, die ein System in Bewegung bringen. Aus dieser Bewegung heraus können sich neue Konstellationen finden, die tragfähiger sind als die alten. Manchmal geht das schnell, manchmal braucht es länger.



Was das in der Praxis bedeutet


In der systemischen Arbeit treten wir mit dem Problem in einen Diskurs. Wir behandeln es nicht wie einen Fehler, den man beseitigt, sondern wie etwas, das etwas zu sagen hat. Wenn dieses Symptom sprechen könnte, was würde es erzählen? Was bräuchte es, um weniger hartnäckig zu sein?


Mich interessiert dabei auch, welche Geschichten Sie sich über sich selbst und die Welt erzählen. Welche davon lohnt es sich vielleicht zu hinterfragen, weil sie leidvoll geworden sind, oder das Problem nähren? Manchmal lohnt es sich, die Perspektive zu verändern.


In der Systemischen Therapie schauen wir nicht nur auf das Problem, sondern auch auf das, was schon trägt, was gut funktioniert und was genau so bleiben darf, wie es ist. Systemische Therapie ist lösungs- und ressourcenorientiert. Sie fragt was gelingt, nach Ausnahmen und nach Momenten, in denen das Problem kleiner ist.

Ressourcenorientierung meint dabei also zweierlei: Zum einen den Blick dafür, wofür ein Problem einmal gut war. Zum anderen die Überzeugung, dass Menschen die Mittel zur Veränderung längst in sich tragen.


Meine Aufgabe ist nicht, Ihnen eine Lösung beizubringen, die ich bereits kenne. Sondern gemeinsam mit Ihnen herauszufinden, welche Lösung für Sie die passende ist und die Ressourcen wiederzuentdecken, die längst da sind, um sie nutzbar zu machen.


Oft zeigt sich ein Aspekt davon schon darin, dass jemand überhaupt eine Therapie beginnt. Denn wer sich auf den Weg macht, trägt bereits eine Vorstellung davon in sich, wie ein Leben ohne das Problem aussehen könnte. Selbst wenn sich alles hoffnungslos anfühlt, gibt es meist einen Anteil, der weiß: Es könnte auch anders sein. Genau dieser Anteil ist eine Ressource.



Systemische Therapie - Eine Haltung, keine Technik


Systemische Therapie bedeutet, in Beziehung zu treten, Impulse zu geben, um einen Prozess anzustoßen, und neugierig darauf zu sein, was entsteht. Sie bedeutet zu erkunden, wie die Welt aus den Augen des Gegenübers aussieht — und immer davon auszugehen, dass die Dinge auch ganz anders sein könnten. Sie bedeutet, den Menschen zuzutrauen, Verantwortung für sich und den Prozess zu übernehmen — und davon auszugehen, dass sie vieles, was zur Lösung ihres Problems beiträgt, bereits in sich tragen.


Als Therapeutin bin ich nicht die Expertin für Ihr Leben. Ich weiß nicht besser als Sie, was für Sie richtig ist. Ich kann nicht in Sie hineinsehen und von außen bestimmen, welchen Weg Sie gehen sollten.


Was ich kann: gut zuhören, gute Fragen stellen und blinde Flecken gemeinsam mit Ihnen ausleuchten. Ich kann Impulse geben, aus denen etwas Neues entstehen kann, das an die Stelle der alten Muster tritt. Ich bin Expertin für den Prozess. Für den Übergang. Für das Aushalten und das Werden.



Vielleicht fühlen Sie sich von dieser Haltung angesprochen. Systemische Therapie ist kein Weg, auf dem man behandelt wird, sondern einer, den man mitgeht. Wenn Sie bereit sind, zu dem, was Sie belastet, in ein neues Verhältnis zu treten und aktiv daran mitzuarbeiten, können wir in meiner Praxis in Frankfurt oder in einem Online-Erstgespräch gemeinsam herausfinden, wie das für Sie aussehen kann.

 
 
 

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