Systemische Gruppentherapie - Was eine Gruppe möglich macht
Über das Arbeiten zu mehreren und was es vom Einzelgespräch unterscheidet

Gruppentherapie – Ein Format, das viele unterschätzen
Die meisten Menschen, die eine Psychotherapie suchen, erwarten ein Gespräch zu zweit. Die Vorstellung, das, was Sie belastet, nicht nur einer Therapeutin, sondern noch sechs oder sieben weiteren Menschen gegenüber auszusprechen, erscheint vielen zunächst einmal nicht besonders verlockend. Dabei kann gerade der Austausch mit einer therapeutischen Gruppe hilfreich sein. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen zunehmend vereinzelt leben.
Während gruppentherapeutische Angebote im stationären Bereich fest zum Behandlungsalltag gehören, findet ambulante Psychotherapie in Deutschland noch fast ausschließlich im Einzelsetting statt. Allerdings bewegt sich etwas: Die Anzahl der Gruppentherapien nimmt merklich zu. Das liegt zum einen daran, dass die Rahmenbedingungen für Gruppenangebote in den vergangenen Jahren gezielt verbessert wurden, zum anderen und vor allem aber an ihrer gut belegten Wirksamkeit.
Im systemischen Denken sind neben einzelnen Menschen die sozialen Kontexte in denen wir leben besonders relevant. Dabei sind vor allem Paare und Familien die Systeme auf die es ankommt. Das macht systemische Ansätze für die Arbeit mit Gruppen besonders anschlussfähig. Prototypisch für systemische Gruppentherapie sind Formate wie die Multifamilientherapie, die Familienrekonstruktion, Reflecting Teams, Helferkonferenzen und Aufstellungsarbeiten.
Wie Gruppentherapien und speziell systemische Gruppentherapien wirken, wofür es gut sein kann, mit mehreren Menschen im Raum zu arbeiten, und was in einer Therapiegruppe geschehen kann – darum soll es im Folgenden gehen.
Was für das Arbeiten zu mehreren spricht
Eine Therapiegruppe ist nicht einfach ein Einzelgespräch mit Publikum. Sie wirkt über eigene Mechanismen, die in der Gruppenforschung seit Jahrzehnten beschrieben werden. Zu den elf Wirkmechanismen, die der Psychiater Irvin Yalom beschreibt, gehören unter anderem:
Sie sind nicht allein: Was in der eigenen Vorstellung eine ganz persönliche Verfehlung war, zeigt sich als etwas, das andere in ähnlicher Form kennen. Das nimmt Gefühlen von Scham und Isolation ihre Kraft und schafft Raum für Verbundenheit.
Sie unterstützen andere: In einer Gruppe ist niemand dauerhaft in der Rolle der bedürftigen Person. Wer anderen etwas Nützliches sagen kann oder etwas Wertvolles gibt, erlebt die eigene Wirksamkeit.
Die Gruppe bietet Raum für Veränderung: Sie ist wie ein kleines Abbild Ihres Alltags. Ein Mikrokosmos. Wie Sie sich in einer Gruppe bewegen, folgt in der Regel denselben Mustern wie draußen. Hier aber ist es unmittelbar beobachtbar und im geschützten Rahmen veränderbar.
Es entstehen viele Perspektiven: Auf Ihre Situation schauen nicht nur zwei Augenpaare, sondern viele. Dabei sind es oft die Erfahrungen und Ratschläge anderer Teilnehmender, die etwas in Bewegung bringen.
Zugehörigkeit wirkt: Das Erleben von Zugehörigkeit und Akzeptanz – in einer Gruppe angenommen zu sein – ist selbst ein Wirkfaktor.
Auch die Forschung spricht dafür: Eine Gruppe ist nicht „schlechter“ als eine Einzeltherapie. Über verschiedene Störungsbilder hinweg findet sich in der Regel eine vergleichbare Wirksamkeit bei der Symptomreduktion wie im Einzelsetting.
Wie eine Gruppentherapie abläuft
Der Rahmen ist verbindlicher, als viele erwarten:
Vor dem Einstieg stehen ein oder mehrere Einzelgespräche. Dort klären wir, worum es Ihnen geht, ob das Gruppensetting für Sie passt und ob Sie in diese Gruppe passen.
Die Gruppe ist überschaubar. Nach der Psychotherapie-Richtlinie umfasst sie drei bis höchstens neun Teilnehmende.
Die Termine sind fest, und die Zusammensetzung bleibt häufig über eine längere Zeit stabil.
Es gilt Verschwiegenheit für alle Beteiligten. Die Gruppe ist ein geschützter Raum: Was dort geteilt wird, bleibt dort. Dazu gehört auch, dass im Nachhinein nicht übereinander gesprochen wird.
Neben der klassischen Gruppentherapie gibt es zwei weitere Wege, eine Gruppe zu nutzen:
Die Gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung umfasst bis zu vier Doppelstunden von jeweils 100 Minuten. Sie ist gegenüber der Krankenkasse antrags- und anzeigefrei. Auch wer bereits in Einzeltherapie ist, kann sie in Anspruch nehmen, ohne auf die eigene Stunde zu verzichten.
Die Kombinationsbehandlung: Einzel- und Gruppentherapie schließen einander nicht aus, beide Formate lassen sich miteinander verbinden.
Was systemische Gruppentherapie ausmacht
Muster werden sichtbar: In der systemischen Gruppentherapie wie in der Einzeltherapie geht es nicht allein um Ihr Inneres, sondern um die Zusammenhänge, in denen Sie leben: Familie, Partnerschaft, Arbeit, Rollen und Erwartungen. Die Gruppe ersetzt Ihr System nicht, aber sie kann dessen Muster sichtbar machen.
Die Expertise liegt bei den Teilnehmenden: In systemischen Gruppen sind die Mitglieder ausdrücklich auch füreinander tätig. Gunther Schmidt beschreibt die Gruppe als „Kompetenztreibhaus“: ein Ort, an dem Fähigkeiten wachsen, weil alle für alle eine unterstützende Funktion übernehmen.
Anliegenorientiert und zielgerichtet: Wir arbeiten an den konkreten Anliegen einzelner Gruppenmitglieder und nutzen die Gruppe dafür. Das Schöne daran: Alle profitieren, auch wenn man selbst gerade nicht im Zentrum steht.
Vielstimmigkeit statt Deutung: Aus der Haltung des Nichtwissens heraus schätzen wir die Perspektivenvielfalt, die in der systemischen Gruppentherapie entsteht. Wie sehen die anderen das? Welche Ideen haben sie dazu? Andere Sichtweisen bringen festgefügte Erklärungen in Bewegung. Verschiedene Sichtweisen dürfen nebeneinander bestehen.
Ressourcen und Lösungen bekommen so viel Aufmerksamkeit wie das Problem: Gefragt wird nach Ausnahmen, nach gelingenden Momenten, nach dem, was trägt und danach, wofür ein Muster einmal gut war.
Allparteilichkeit: Diese Haltung, zusammen mit einer wohlwollenden Neutralität gegenüber allen Beteiligten, gehört zum Kern systemischen Arbeitens. Mehr dazu in meinem Beitrag: Was ist eigentlich systemische Therapie?
Vielleicht sind Sie beim Lesen neugierig geworden und spüren dennoch ein zögern. Beides gehört zusammen und spricht nicht gegen die Teilnahme an einer Gruppentherapie.
In meiner Praxis in Frankfurt entstehen derzeit neue systemische Gruppenangebote. Schauen Sie gern auf der Seite zur Gruppentherapie nach meinen aktuellen Angeboten und lassen Sie sich auf die Warteliste setzen. Geplant ist auch eine englischsprachige Gruppe.




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